Motorische Entwicklung
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Wie man ein Kind motorisch am besten „fördert“ und warum freie Bewegungsentwicklung wichtig ist

13. Mai 2018

Als mein Kind ca. 3 Monate alt war, hat es sich das erste Mal völ­lig unver­mit­telt liegend vom Bauch auf den Rück­en gedreht und ist dabei sehr unsan­ft mit dem Kopf auf unseren harten Stein­bo­den gek­nallt.
Der Schreck­en war groß – sowohl bei Klein J als auch bei mir.

Danach hat sich mein Kind lange Zeit nicht mehr zur Seite gedreht. Ja, es schien fast, als ob es Rückschritte in der motorischen Entwick­lung macht.

Zeit­gle­ich habe ich (weil der Schreck­en noch saß) für einige Zeit darauf geachtet, dass das Kind nicht mehr mit dem Kopf auf den Boden knallt und des Öfteren Gegen­stände aus dem Weg geräumt, die seine (Fort-)Bewegung stören kön­nte.

Heute weiß ich: Das war ein Fehler.
Warum? Darüber möchte ich euch heute ein biss­chen etwas erzählen.

 

Emmi Pikler: Warum freie Bewegungsentwicklung wichtig ist

 

Ein Säugling fördert sich selb­st von früh bis spät. Ihn zum Sitzen oder ste­hen aufzuricht­en ist nicht nur über­flüs­sig, son­dern schädlich.“

(Emmi Pik­ler in ihrem Buch „Lasst mir Zeit“)

 

1946 bis 1969 beobachtete Emmi Pik­ler, eine bekan­nte Kinderärztin, hun­derte Säuglinge und Kleinkinder bei ihrer Bewe­gungsen­twick­lung.

Sie ließ Fotos und  Filme von den Kindern machen und doku­men­tierte jeden kle­in­sten Zwis­chen­schritt. Auf diese Weise fand sie her­aus, dass alle Kinder diesel­ben Entwick­lungss­chritte durch­laufen, allerd­ings zu unter­schiedlichen Zeit­punk­ten.

So stand ein Junge schon mit acht Monat­en auf, während sich ein ander­er Junge im sel­ben Alter ger­ade mal vom Rück­en auf den Bauch drehte.
Als die bei­den Jun­gen zwei Jahre alt waren, kon­nte man jedoch keinen Entwick­lung­sun­ter­schied mehr zwis­chen den bei­den fest­stellen. Der — nach heuti­gen Begrif­f­en — “entwick­lungsverzögerte” Junge war in kein­er­lei Hin­sicht auf­fäl­lig.

Damals leit­ete Pik­ler das “Lóczy”, ein Kinder­heim für Säuglinge, die langfristige Betreu­ung benötigten. Aus dieser Erfahrung und ihren jahre­lan­gen Beobach­tun­gen her­aus entwick­elte sie ver­schiedene Grund­sätze.

Ein Grund­satz ist der der freien Bewe­gungsen­twick­lung, welchen sie in ihrem Buch „Lasst mir Zeit“ beschreibt.

 

Was bedeutet freie Bewegungsentwicklung?

 

Freie (autonome)  Bewe­gungsen­twick­lung bedeutet laut Emmi Pik­ler, dass das Kind bei der motorischen Entwick­lung nicht gezielt unter­stützt und gefördert wird. Zum Beispiel, indem man es beim Laufen an der Hand hält (=führt), es hin­stellt oder hin­set­zt, bevor es selb­ständig sitzen kann.

 

Gründe für eine autonome, motorische Entwicklung

 

Ist es nicht son­der­bar, dass er (der Säugling) ständig etwas anderes tun muss, als was ihm behagt. Übt er Bewe­gun­gen in Rück­en­lage, so drehen wir ihn auf den Bauch, bewegt er sich auf dem Bauch, set­zen oder stellen wir ihn auf. Ste­ht er, so führen wir ihn bei den Hän­den, damit er gehen lernt“  (Pik­ler, 1940)

 

Dem Kind Zeit zu lassen und es in sein­er motorischen Entwick­lung nicht zu drän­gen oder fördern zu wollen, ist wichtig, weil…

  • …wir damit die natür­liche Schrit­trei­hen­folge der Bewe­gungsen­twick­lung nicht durcheinan­der­brin­gen

 

  • …die Kinder bess­er ein­schätzen kön­nen: Was kann ich mir zutrauen? Was kann ich an Neuem aus­pro­bieren, ohne mich in Gefahr zu begeben? Sie nehmen die Posi­tio­nen ein, in denen sie sich sich­er und wohl fühlen. Sie kön­nen sich, ihren Kör­p­er und ihre Gren­zen bess­er ein­schätzen, als ein Kind, dem die Bewe­gung größ­ten­teils abgenom­men oder „vorgezeigt“ wurde.

 

  • …sie sich weniger häu­fig ver­let­zen und mit Höhen/Abständen bess­er umge­hen kön­nen. Solche Kinder sind später ten­den­ziell auch bess­er und geschick­ter im Sportun­ter­richt.

 

  • …Kinder, denen man Zeit lässt, selb­ständig wis­sen, wie sie in ihre Aus­gangspo­si­tion zurück­find­en.

 

  • …wir dem Kind auf diese Weise die Selb­stent­fal­tung ermöglichen. Es wird ler­nen, dass es Dinge aus sich her­aus schaf­fen kann – und dass es keinen Erwach­se­nen dafür braucht. Das hat einen Ein­fluss auf sein Selb­st­wert­ge­fühl und sein Selb­st­be­wusst­sein.

 

  • …wenn wir Kindern die Selb­stent­fal­tung ermöglichen, wir fest­stellen wer­den , dass sie oft­mals anders rollen, robben, krabbeln, ste­hen und laufen (ler­nen), als wir Erwach­se­nen es von ihnen erwarten.
    Sie benutzen zum Beispiel viele kleine Über­gangspo­si­tio­nen. Die Kinder kom­men zum Sitzen beispiel­sweise nicht aus der Rück­en­lage, son­dern sie richt­en sich aus halb­sitzen­den Posi­tio­nen zum Sitzen auf oder lassen sich aus dem Knie-Hän­destütz, der auch zu den Über­gangspo­si­tio­nen gehört, in den Fersen­sitz nieder.

 

  • …es ein großer Unter­schied ist, ob sich ein Kind selb­st eine Auf­gabe stellt oder ob der Erwach­sene sie ihm vorgibt. Das Kind, das die Auf­gabe selb­st auswählt, kann sie ver­w­er­fen oder so verän­dern, dass sie zu seinen Bedürfnis­sen passt.

 

  • Eine Förderung, welche die vie­len notwendi­gen Über­gangsstufen und die wochen- und monate­lan­gen Zwis­chen­räume verken­nt, läuft Gefahr, den Säugling in eine Bewe­gung­sun­sicher­heit zu brin­gen, die zu muskulären Verspan­nun­gen, Hal­tungss­chä­den, Fußde­for­ma­tio­nen (Laufwa­gerl) oder ähn­lichem führen kann“ (Zitat Montes­sorivere­in Storchennest, Pri­vatschule und Pri­vatkinder­garten im Bur­gen­land)

 

Sta­tis­tisch betra­chtet, brauchen Kinder fast sechs Monate zwis­chen dem Hochziehen und dem freien Gehen. Das ist für ein Kind eine sehr lange Zeit.
Diese Zahl gilt auch nur für Kinder, die alle Bewe­gungss­chritte selb­ständig erre­ichen durften.
Kinder hinge­gen, die von den Erwach­se­nen regelmäßig „kor­rigiert“ und gestützt wer­den, sind zwar oft schneller in ihrer motorischen Entwick­lung. Sie sind aber auch unsicher­er, fall­en häu­figer hin oder stolpern. Sie haben ten­den­ziell weniger gut Kon­trolle über ihren Kör­p­er, als Kinder, die sich frei entwick­eln dür­fen.

 

…Aber mein Kind findet es toll, an der Hand geführt zu werden!“

 

Kinder freuen sich zum einen, wenn die Eltern begeis­tert sind. Die Eltern sig­nal­isieren dem Kind „das ist toll, was wir da ger­ade machen“. Zum anderen gewöh­nt sich ein Kind schnell daran, Streck­en – auch wenn es kurze sind – geführt zu gehen und auf diese Weise schneller voranzukom­men. Daher ver­lan­gen sie irgend­wann auch danach.

Kinder find­en zudem einen Per­spek­tivwech­sel span­nend und find­en es schön, etwas Neues auszupro­bieren – das heißt aber nicht, dass das auch gesund für ihre Entwick­lung ist.

An dieser Stelle möchte ich euch ein Video von Eve­lyn Podubrin ver­linken, in welchem sie erk­lärt, warum man das Kind nicht an der Hand führen sollte (und falls doch geschehen, wie man damit umge­hen kann). Der inter­es­sante Teil geht bis 3:43.

 

Wie kann ich eine freie Bewegung in meinem Alltag umsetzen?

 

Was bedeutet freie Bewe­gungsen­twick­lung konkret? Wie kannst du sie im All­t­ag umset­zen?

 

  • Ver­suche, das Kind nicht hinzuset­zen, bevor es das nicht selb­ständig kann

 

  • Bitte das Kind auch nicht aus dem Sitzen mit den Hän­den hochziehen

 

  • Das Kind nicht an der Hand führen

 

  • Das Kind auch nicht auf die Beine stellen, bevor es das selb­st kann

 

Wie sollte die Umgebung für mein Kind gestaltet sein?

 

  • Dem Kind die passende Umge­bung bieten:
    Anstatt eines weichen, dick­en Spiel­tep­pichs, das Kind bess­er auf eine solche Mat­te leg­en:

 

Oder auf eine solche:

 

 

Am besten ver­wen­det ihr keine Puz­zlemat­te, da viele dieser Mat­ten mit Schad­stof­fen belastet sind, wie Ökotest her­aus­fand:

https://www.oekotest.de/kinder-familie/15-Puzzlematten-im-Test_99261_1.html

 

  • Das Kind, wann immer möglich, bar­fuß oder mit Sock­en spie­len lassen (bei unserem Kind, das total ver­froren ist, wäre „bar­fuß“ bei „nor­malen“ Tem­per­a­turen undenkbar)

 

  • Dem Kind wenn möglich bequeme Klei­dung anziehen

 

  • Das Kind wo möglich die Woh­nung erkun­den lassen. Nicht ständig Ver­bote aussprechen. Bess­er Gegen­stände für einige Zeit hoch- oder wegräu­men

 

  • Das Kind auch mal (aus ein­er kleinen, unge­fährlichen Höhe) fall­en lassen oder sich anstoßen lassen. Ihr werdet sehen, das Kind hat schnell raus, was es tun muss, um sich nicht nochmal weh zu tun

 

  • Nicht jedes Hin­der­nis aus dem Weg räu­men

 

  • Das Kind so oft wie möglich ein­fach machen lassen, ohne einzu­greifen. Kinder brauchen häu­fig etwas länger wie wir und wir wollen dann ungeduldig ein­greifen und sagen “schau mal, das macht man so”. Lass dem Kind aber seine Zeit (Auch ich muss regelmäßig daran erin­nern, nicht immer einzu­greifen)

 

  • Und vor allem: Das Kind nicht drän­gen, nöti­gen, ständig stützen, ziehen, hin­set­zen, aufricht­en, vor allem wenn es dazu noch nicht bere­it ist…

 

Ich selb­st habe in unser­er Woh­nung übri­gens Pol­ster aus­gelegt, auf der Klein J unsere Woh­nung (zum Beispiel das Sofa) erkun­den durfte.
Seit diesem Zeit­punkt liebt sie das Krabbeln und Klet­tern und kann ganz großar­tig mit Höhen und Tiefen umge­hen.

 

         

 

Sie ist in all den Monat­en nur ein einziges Mal vom Sofa gefall­en – näm­lich, als sie hun­demüde war und ich einen kurzen Moment nicht hinge­se­hen habe.
Abge­se­hen davon kann sie sich ganz wun­der­bar abrollen, wenn sie mal uner­wartet von einem anderen Kind umgestoßen wird und sich sich­er mit den Füßen rück­wärts vom Sofa hangeln.

Als Pol­ster diente uns unter anderem ein aus­rang­iertes, zusam­men­klap­parbes Pol­ster-Bett mein­er Eltern, ähn­lich diesem hier:

 

 

 

An dieser Stelle möchte ich euch auch noch Videos der Phys­io­ther­a­peutin, Pekip-Trainer­in und Diplom Päd­a­gogin Beate von Eisen­hart empfehlen. Sie haben mir bei Klein J’s motorisch­er Entwick­lung weit­erge­holfen.

Hier ein Beispiel:

 

Abschließend möchte ich Anna Tur­dos (Kinderpsy­cholo­gin, Tochter der Kinderärztin Dr. Emmi Pik­ler und Direk­torin des Emmi-Pik­ler-Insti­tuts (Lóczy) in Budapest) zitieren:

 [Ein Erwach­sen­er] ver­ste­ht oft nicht, was heißt es, auf eige­nen Füßen zu ste­hen und das Gle­ichgewicht zu bewahren, sich selb­st zu spüren und die ersten Schritte zu pro­bieren. Es geht um die eigene Wahrnehmung, um die per­sön­liche Ver­ant­wor­tung. Es ist so ein­fach, so natür­lich, und doch so schwierig (…) [unseren Kindern Zeit zu lassen].

 

Quellen:

https://kinder-in-bewegung-kongress.de/fuehrst-du-auch-dein-baby-an-den-haenden-um-das-laufen-zu-ueben/

https://www.ksta.de/laufen-lernen-bloss-kein-stress-fuer-krabbelkinder-12941952

http://holzspielgeraete.basisgemeinde.de/sites/default/files/ga-pikler-2015.pdf

https://kita.zentrumbildung-ekhn.de/fileadmin/content/kita/3_3Kinder_0-3/Konzeption/Kernaussagen_Emmi_Pikler_ohneFotos.pdf

http://www.kr-nuernberg.de/index.php/autonome-bewegungsentwicklung

http://v007277.vhost-vweb-02.sil.at/wp-content/uploads/2013/10/zeit.pdf

http://pikler-hengstenberg.at/pikler-aus-und-weiterbildung/pikler-kleinkindpaedagogik

http://www.storchennest.biz/site/index.php/spielraum/paedagog-ansatz-pikler

https://freie-bewegungsentwicklung.de/kann-ein-baby-laufen-lernen-ohne-an-den-haenden-gefuehrt-zu-werden/?v=3a52f3c22ed6

https://www.vonguteneltern.de/lauft-das-kind-denn-schon/

https://www.br.de/br-fernsehen/sendungen/gesundheit/baby-erstes-jahr-9-laufen-lernen100.html

https://www.gewuenschtestes-wunschkind.de/2014/03/wie-kinder-lernen-wie-wir-sie-sinnvoll-foerdern-foerderung-von-babys-und-kleinkindern-fruehfoerderung.html

http://www.kinderwaerts.de/emmi-pikler/

https://kita.zentrumbildung-ekhn.de/fileadmin/content/kita/3_3Kinder_0-3/Konzeption/Kernaussagen_Emmi_Pikler_ohneFotos.pdf

https://hebammezauberschoen.de/2015/04/23/recht-auf-freie-bewegungsentwicklung/

 

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